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Leseprobe: Die Schuhe der Väter


Diesmal ist alles anders. Ich habe einen Zeitpunkt gewählt, zu dem ich allein in der Wohnung und ohne Zeitdruck packen kann. Ein Blick in mein Zimmer. Was will ich auf keinen Fall hierlassen? Die Fotoalben, die paar Zeitschriften, in denen medizinische Aufsätze von mir er- schienen sind, das Stethoskop aus der Studentenzeit. Es ist gut, allein zu sein. Seit dem Gespräch wusste ich Bescheid. Es war kein Wort, das sie gesagt hatte, auch keine Geste, aber ich wusste es auf einmal mit einer Klarheit, die endgültig ist und bleibt. Es ist vorbei. Ich trage alles in Taschen zum Auto. Der Kofferraum ist schon fast voll, das neue Golfbag und der Trolley nehmen viel Platz weg, und ich habe noch kaum etwas gepackt. Zwei Stunden später gehe ich ein letztes Mal durch die Wohnung. Im Küchenschrank hole ich das Besteck mit dem Horngriff aus dem Familienbesitz meiner Großeltern und das gelbgrüne Geschirr mit dem Hahnmotiv, das mir Großmutter zum fünften Geburtstag geschenkt hat, einen Suppenteller, einen großen Teller und einen kleinen Teller, Tasse und Untertasse. Ich warte in meinem Volvo, bevor ich den Motor anlasse und sehe zu dieser Wiesbadener Wohnung hoch, in der ich acht Jahre verbracht habe. Aus dem gekippten Küchenfenster weht sanft die Gardine. Ich sitze im Auto und warte, worauf weiß ich nicht. Ein letzter Blick auf die Gründerzeit-Villa, ich starte die Zündung. Das harte Tuckern des Dieselmotors gibt mir Kraft. Es ist meine dritte Ehe, die gescheitert ist.

Ich will am Rhein entlangfahren und komme am Biebricher Schloss vorbei, war hier nicht der Vater von Wilhelm Dilthey Hofprediger? Schon fällt mir ein, was ich vergessen habe. Ich ärgere mich, zumal es jetzt knapp wer- den könnte, wenn ich ihr nicht begegnen will. Ich fahre etwas schneller als erlaubt zurück, betrete die Wohnung und ziehe unten im Schrank die Schuhe heraus. In der Küche finde ich eine Einkaufstüte von Aldi, da stopfe ich sie hinein, laufe zum Auto und fahre wieder los. Die Schuhe will ich nicht zurücklassen, sie gehören zu den wenigen Dingen, die mir von meinem Vater geblieben sind. Mit dem Gefühl, auch das noch geschafft zu haben, fahre ich auf der Biebricher Allee stadtauswärts. In dem Ensemble vornehmer Häuser fällt mir in einem verwilderten Garten eine heruntergekommene Villa auf, die weiße Farbe ist großflächig abgeblättert, darunter kommt der graue Putz zum Vorschein. Es ist nicht die feine englische Art, ein- fach abzuhauen, aber immerhin habe ich nichts von ihr mitgenommen, bis auf das Souvenir, das ich ihr von dem Ärzte-Kongress in Mailand mitgebracht habe, die blaue Murano-Vase.

Ich fahre rheinabwärts, einfach drauflos, lasse Budenheim links liegen, schon vor Eltville ziehen sich die ersten Weingärten sanft die Hügel empor, neben der Straße liegt der Fluss behäbig und gleichgültig in der Julisonne, blass spiegelt sich im Wasser das Blau des Himmels, die Mariannenaue leuchtet grün auf. Das große weiße Schild der Fluss-Kilometrierung zieht reflektierend einen silbernen Vorhof im Strom. Zwei Enten steigen auf und schaffen es spielend neben mir herzufliegen, ein Paar, neben dem ich mir mit meinen Siebensachen im Auto wie ein Bruchpilot vorkomme. Bei Winkel verlasse ich die Uferstraße und fahre in die Weingärten. Die schnurgerade Anordnung der Weinstöcke irritiert mich, ich sehe am Horizont die Höhenzüge mit ihrer grünen Bewaldung, da will ich plötzlich hin.




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